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Pikes Peak 2018

Ein Erlebnisbericht vom Pikes Peak von Sonja Knutti


 

Pikes Peak International HillClimb 2018

DSC00054Ein Abenteuer, mein Abenteuer. Anfang Mai 2018, ein arbeitsfreier Tag, ein Regentag, Grund genug mit dem Laptop bewaffnet einen Tag auf dem Sofa und vor dem TV zu verbringen. Ich stöbere im Internet rum und stolpere über eine Info vom Faggioli-Team und einen Newsfeed vom PPIHC, dem Pikes Peak International HillClimb. Wo genau ist eigentlich dieses Rennen? Oha, in Colorado. Wo genau ist eigentlich Colorado? Google Earth zeigt mir den Standort und auch den Pikes Peak. Eine Rennstrecke über 19,99km, 156 Kurven, Start auf 2860m und Ziel auf 4300m. Drei Stunden später habe ich Flug, Leihwagen und Unterkunft gebucht. Mein erster Aufenthalt in Amerika.

Die Vorstellung, das erste Mal bei diesem Highlight dabei zu sein, machte mich ganz kribbelig. Und was macht man (Frau), um möglichst großen Nutzen und ja, zugegeben, auch Vorteile zu erlangen? Den Wolfgang kontaktiert und angefragt, ob ich für Hillclimbfans am Pikes Peak arbeiten darf.
Ich durfte und schreibe als Dankeschön hier meinen Erlebnisbericht. Kurz nach der Beantragung bekam ich die Zusage durch PPIHC, dass ich eine der limitierten Pressebestätigungen zugesichert bekam.

IMG_6017Ich dachte bisher, dass ich den Ablauf von Bergrennen kenne. Ich war ja 14 Jahre lang als aktiver Helfer bei Schweizer- und teilweise Europa-Rennen mit dabei. Wie läufts ab? Na ja, Anreise- und Vorbereitungstag, Trainings- und anschliessend Renntag. Und so hatte ich, in der Annahme ich hätte genug Vorlaufzeit, meinen Hinflug für Dienstag vor dem Rennwochenende gebucht. Zu voreilig und viel zu spät, denn die Trainings begannen bereits am Dienstag vor dem Rennsonntag. Und waren bis Freitag immer von morgens um fünf bis acht Uhr festgelegt. Um halb Zehn musste der Serviceplatz wieder geräumt sein.

Serviceplatz? Genau, denn die Trainingsläufe wurden aufgrund der Streckenlänge von 20km in Sektoren aufgeteilt. Die Teams mussten jedem Morgen mit Sack und Pack zum jeweils zugeteilten Sektor fahren, den Platz einrichten, Trainingsläufe fahren und unmittelbar danach den Platz wieder räumen. Damit die Strasse für die Touristen den Tag durch frei zugänglich war. Früh aufstehen war also angesagt. Wer um vier Uhr das Gate (ca. 10km vor der Startlinie) nicht passiert hatte, bekam keinen Einlass mehr. Da mein Flug Verspätung hatte und ich trotz der Zeitverschiebung von -8 Std. dann am Dienstag zu spät war, meinen Presseausweis abzuholen, konnte ich auch das Training am Mittwoch morgen nicht live mitverfolgen. Also nutzte ich den Tag für eine persönliche Streckenbesichtigung. Ach so, die Strecke zum Gipfel hoch zu fahren ist kostenpflichtig? Die Touristen lassen sich was kosten; ganze fünfzehn Dollar für einmal hoch und wieder zurück. Ok, das war es mir wert. Und dass die Luft da oben dünn war, bekam ich schon mal am eigenen Leihwagen mit. Enorm, wie der Leistungsverlust in der Höhe zu spüren war. Schmunzeln musste ich dann auf der Rückfahrt, als Security-Männer mich stoppten und die Temperatur meiner Bremsen messen mussten. Sah fast so aus, als ob sie meinen Leihwagen nicht trauten. Nein, im Ernst, das machten sie bei jedem Fahrzeug, denn eine Talfahrt über 1400m bringt vermutlich die eine oder andere Bremsscheibe schon zum Glühen.

Am Mittwochabend war ich dann rechtzeitig beim Presseoffice. Und auch das war wieder so ein Erlebnis. Einerseits weil das Office (am gleichen Ort wie für die Fahrer die Papierabnahme!) über 30km vom Startgelände entfernt war und andererseits, weil meine Englischkenntnisse so grottenschlecht sind, dass ich nicht mal die Hälfte von den Presseinformationen verstand. Nichts desto trotz haben sich die zwei Office-Damen sowas von gefreut, dass eine Schweizerin als Pressefrau vor Ort war und sich mit Händen und Füssen und ein paar Brocken Englisch vorstellte.

LC1_1124Am Donnerstag und Freitag habe ich natürlich die Trainingsabschnitte besucht, wo das Faggioli-Team eingeteilt war. Am selben Ort war übrigens auch jeweils das Vokswagen-Team mit Roman Dumas, wobei mich das Elektroding nicht so wirklich interessierte. Zugegeben, die waren natürlich ein Dreh- und Angelpunkt auf Platz und als Werksteam nicht übersehbar. Und damit sie mit dem Elektroding hörbar waren, pflanzten sie der Kiste eine Art Sirene ein. Wäre für den Start allerdings nicht notwendig gewesen, denn da ging der ab wie Pressluft. Und entsprechend auch hörbar. Dennoch konnte ich mich nicht für Elektro faszinieren lassen. Das ist einfach nicht mein Ding. Da war mir der Klang der Faggioli-Norma’s definitiv sympathischer.

Bei den Gesprächen mit Fabien Bouduban habe ich dann erfahren, wie viel Ärger das Faggioli-Team bereits zu Beginn Ihres Abenteuers erfahren mussten. Da der Norma von Simone erst mit Verspätung in Colorado eingetroffen ist, stellte Fabien seinen Renner Simone zur Verfügung für den ersten Trainingstag. Und dann kam, was sich keiner wünscht, der Motor ging hoch und das restliche Training für diesen Tag musste gestrichen werden. Bis zum nächsten Morgen reichte die Zeit aber aus, um einen Ersatzmotor einzubauen. So konnte Fabien den zweiten Trainingstag nutzen. Der inzwischen eingetroffene Norma von Simone stand am zweiten Morgen auch zur Verfügung. Leider nicht lange, denn auch da ging der Motor hoch. Auch hier mussten sie einen Ersatzmotor einbauen, damit der dritte Trainingsmorgen genutzt werden konnte. Der dritte Ersatzmotor kam zum Glück dann nicht mehr zum Einsatz. Am Freitagmorgen beim vierten Training (im obersten Bereich der Strecke) sah das Team nicht wirklich glücklich aus. Sie taten sich mit der Reifenwahl schwer und testeten verschiedene Pirellimischungen. Die Lufttemperatur war übrigens gerade mal vier Grad auf 3900m (Startpunkt zum Training im obersten Teil). Nun gut, sie mussten jetzt den besten Mittelweg aus den drei doch unterschiedlichen Streckenabschnitten finden, damit am Rennsonntag das Optimum rausgeholt werden kann. Der Samstag war dann rennfrei.

pikes-race-18-1218Dann kam der grosse Tag, das Highlight dieses Jahres. Als Pressemann ehmmm Pressefrau musste ich mich bereits um zwei Uhr beim Gate einfinden. Ganz schön früh, aber egal, ich konnte eh vor Aufregung kaum schlafen. Ich fuhr mit meinem Leihwagen die Strecke hoch bis auf 3900m, da ich von diesem Platz (Devil’s Playground) die beste Sicht auf viele Meter Rennstrecke hatte. Das Faggioli-Team konnte ich leider nicht mehr besuchen, da die Organisations-Verantwortlichen die Presseleute zu zügigem Vorwärts trieben, da nach uns ja noch x-tausende Zuschauer folgten. Und dann war warten angesagt. Der Start begann pünktlich um acht Uhr.

Zu Beginn waren die Motorräder an der Reihe. Unglaublich, was die für eine Performance an den Tag legten. Hat mich echt beeindruckt. Ein Schreckmoment gab es dann, als ein Elektro-Motorrad direkt vor meinen Augen in einer Linkskehre das Heck verlor, schlitterte und heftig in eine Geröllböschung flog. Wenn schon Abflug, dann immerhin in Geröll und nicht den Steilhang hinunter. Die Ambulanz musste vor Ort anrücken und den Verunfallten abtransportieren. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass er sich zum Glück «nur» Knochenbrüche und Prellungen zugezogen hatte. Der zweite Unterbruch verursachte ein Zuschauer im Zielgelände. Die dünne Luft war wohl zu viel des Guten; Herzinfarkt und Abtransport mit dem Helikopter. Danach kam der grosse Moment. Als erster kam Roman Dumas mit seiner Sirene angerauscht und ich muss zugeben, Elektro hin oder her, es war absolut beeindruckend. Und gleich danach Simone und Fabien. Für mich einfach nur Gänsehaut pur. Was muss das für ein Gefühl sein. An der Startlinie stehen; im Bewusstsein, dass ein langersehnter Wunsch in Erfüllung gehen kann; hoffen auf das Überqueren der Ziellinie. Von meinem Stehplatz aus konnte ich Simone schon lange hören, lange bevor ich ihn sehen konnte. Und das, obwohl ich rund 2-3km Strecke zum grössten Teil überblicken konnte. Unbeschreiblich, unvergessen, wie die beiden dann an mir vorbei gerauscht sind. Von Fabien konnte ich viel hören, aber leider nicht viel sehen. Denn der Nebel zog genau in diesem Moment auf.

LOU_3737Ich war lange im Ungewissen, was die Laufzeiten anging. Da aber keine Unterbrechung war, wusste ich, die beiden sind im Ziel. Auf der ganzen Rennstrecke ist kein Netzempfang. Die Organisation hat vorsorglich für die Touristen ein WLAN eingerichtet, aber bei x-Tausenden war dieses natürlich ständig überlastet. Und das WLAN von Volkswagen, was die eigens für ihre Leute über die gesamte Länge der Strecke aufgebaut hatten, war passwortgeschützt. War ja klar. Wenigsten benötigten die Fahrer kein WLAN und konnten ordnungsgemäss starten. Es gab fast keine Ausfälle. Mitbekommen habe ich lediglich einen kochenden VW Jetta und eine Kaltverformung eines Porsche beim Küssen einer Leitschiene. Nachdem rund drei Viertel der Fahrer gestartet waren, nahmen nicht nur die Nebelschwaden zu, sondern auch die dunklen Wolken am Himmel. Das sah nicht gut aus. Es kam noch schlimmer. Rennabbruch. Ein heftiges Gewitter mit extremen Sturmböen, Hagel und Schnee. Fabien Bouduban (Foto) hat im Ziel einen Schneemann gebaut und ihn auf seinen Norma gesetzt. Wir Zuschauer flüchteten in unsere Fahrzeuge. Ganz ehrlich, mir war nicht mehr wohl. Der Wind rüttelte die Privatfahrzeugen gewaltig durch und es wurde ziemlich dunkel. Ich befürchtete, dass wir da nicht mehr wegkommen und eingeschneit werden. Horror! Vier Stunden später, um 17h, konnten wir dann den Weg zurück ins Tal – nach der Rückführung der Rennfahrzeuge – unter die Räder nehmen. Und keiner glaubt’s; bei herrlichem Sonnenschein und blauem Himmel.

JR_L1049Mir tut es für die rund 15 von 55 Piloten (ohne die Motorradfahrer gerechnet) leid, die nicht mehr starten konnten. So viel Aufwand und Investition im Vorfeld, und dann stehen sie im Startgelände und müssen verzichten. Darunter auch Keith Edwards (Foto) mit seinem roten Audi Quattro. Klar kann keiner was gegen die Wetterkapriolen tun, trotzdem, fair war das nicht. Als ich dann wieder unten im Startgelände war, suchte ich sofort das Faggioli-Team auf. Ich wollte doch wissen, was wie wo wann, denn ich war noch immer ahnungslos. Die waren sowas von happy! Simone ist die drittbeste Zeit ever (8.37.230) gefahren und das als Privatteam (nebenbei: Roman Dumas ist letztes Jahr mit einem Norma eine Zeit von 9.05.672 gefahren). Die zwei schnellsten Laufzeit seit der Erstaustragung im Jahr 1916 stammen von den beiden Werksteams – Peugeot mit Sebastien Loeb im Jahr 2013 (8.13.878) und eben in diesem Jahr von Volkswagen mit Roman Dumas (7.57.148). Simone belegte Gesamtrang zwei und Fabien Bouduban verpasste mit neun Zehntel nur knapp den dritten Gesamtrang. Er konnte seinen Norma auf den letzten Kilometer kaum mehr auf der Strasse halten und verlor viel wertvolle Zeit. Ein bisschen enttäuscht war er schon, aber die Freude über das Erlebte bei diesem Rennen überwiegte. Und wenn die zwei nächstes Jahr wieder am Start stehen, steht hinter ihren Namen zumindest kein «Rookie» mehr und die Fahrwerke ihrer Norma’s sind noch optimaler auf die Strecke angepasst.

Da mein Bericht eher ein Erlebnisbericht ist, verzichte ich bewusst auf weitere Zeiten und Informationen zu den übrigen Fahrern und zur Rennstrecke. Dazu gibt es im Netz genügend Berichte. Ausser, und soweit mir bekannt ist, war Fabien Bouduban aus dem Faggioli-Team der erste Schweizer, der beim PPIHC teilnahm. Umso mehr war ich erstaunt, in der Schweizer Motorsportpresse nicht wirklich viel darüber lesen zu können. Offenbar ist eine Schweizerteilnahme am PPIHC nicht so wichtig. Finde ich persönlich sehr schade. Aber wie dem auch sei, ich weiss schon heute, dass ich mich im 2019 wieder in Colorado Springs, einer traumhaften und eindrücklichen Landschaft, aufhalten werde.

Liebe Grüsse, Sonja Knutti
(zwar wieder zurück in der Schweiz, aber im Kopf noch immer beim Race to the Clouds)

Last Updated on 20. August 2020 by Wolfgang Maringer

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